Anmerkung: In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, daß die PDS Saarland im Jahre 2003 die Aktion "10 Euro für den Irakischen Widerstand" unterstützt hat. Nur dieser Landesverband brachte den Mut auf, dem irakischen Volk im Einklang mit dem Völkerrecht das Recht auf Widerstand gegen Besatzung nicht nur einzuräumen, sondern dies offensiv zu unterstützen. Viele Linke scheinen die Tradition der französischen Resistance, der antifaschistischen Partisanen in Griechenland, Italien, Polen und Jugoslawien vergessen zu haben, in deren Reihen Kommunisten, Sozialdemokraten, Fortschrittliche Nationalisten sogar Royalisten gegen einen erbarmungslosen Agressor zusammenstanden und gemainsam Kämpften. Dem Irakischen Volk wollen sie dieses Recht oft nicht zusprechen, obwohl auch dort eine breite Front von Links über arabisch-nationalistisch bis islamisch mit Kalashnikows und selbstgebauten Bomben gegen modernste Panzer und Flugzeuge antreten, um die Souveränität ihres Landes widerherzustellen und den andauernden Genozid am irakischen Volk zu beenden. Die USA haben mit erlogenen Begründugen und gefälschten Beweisen zu zu rechtfertigen Versucht, warum sie ihren Krieg von 1991 fortgesetzt und inklusive Embargo seit damals 4,5 Mio Iraker ermordet haben. Das entsprischt 20% der Bevölkerung und merh als dem dem 10fachen, der von Tony Blair in Umlauf gebrachten Zahl angeblicher Opfer des irakischen Regimes in 35 Jahren, sie sich ebenfalls als erstunken und erlogen erwiesen hat und die er selbst zurücknehmen mußte.
Chris Sedlmair
Der folgende Text von Klaus von Raussendorf verdeutlicht, warum die internationale Solidarität nicht dem politisch Korrekten geopfert werden sollte. |
Als
der bewaffnete Widerstand gegen die Besatzungstruppen im Irak im
März/April an Intensität und Organisationsgrad eine höhere Stufe
erreicht hatte, erlaubte sich der Kandidat von Union und FDP für das
Amt des Bundespräsidenten, Horst Köhler, einige kritische Bemerkungen
über das Vorgehen der USA im Irak. Im Kreise von Landtagsabgeordneten
dieser Parteien in Düsseldorf „sagte Köhler, die amerikanische
Regierung habe im Irak ‚schwerwiegende Fehler’ gemacht. Sie habe vor
allem für die Zeit nach dem Krieg keine Strategie entwickelt. Ihr
Verhalten sei ‚arrogant’; man könne den Eindruck gewinnen, dass ‚den
Amerikanern die Macht zu Kopf gestiegen sei’. Doch man dürfe die
amerikanische Regierung jetzt nicht allein lassen, sondern müsse
versuchen, ‚die Führungsmacht positiv zu motivieren’. Die Freundschaft
zu den Vereinigten Staaten sei ein hohes Gut, und es gebe für
Deutschland ‚keinen Grund, mit Häme auf die Vereinigten Staaten zu
blicken’. “ So die FAZ (v. 26. Apr. 04), die dazu den FDP-Vorsitzende
Guido Westerwelle mit den Worten zitierte: „Ich teile den Kern der
Äußerungen von Horst Köhler in vollem Umfang“. Die CDU-Vorsitzende
Angela Merkel, die das militärische Vorgehen der USA im Irak öffentlich
gerechtfertigt hatte, sah sich kurz darauf genötigt, Entrüstung zu
zeigen, als die Medien die Folterpraktiken der Besatzer zum Irak-Thema
Nummer 1 hochspielten. Doch trotz aller Kritik: "Die derzeitige
weltpolitische Lage bietet neue Chancen für eine Wiederbelebung der
durch Rot-Grün stark belasteten deutsch-amerikanischen Beziehungen,“
befand der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag
Michael Glos am 22. Mai nach Gesprächen in den USA. „Nicht entschieden“
ist allerdings laut FAZ (30. Apr.04) die Frage, ob ein Engagement im
Irak, „der NATO als dem organisierten Kern der transatlantischen
Verbindung neues Leben einflößen soll - dann wäre der Zweck des
Einsatzes die Therapie - oder ob der mittelöstliche Krisenbogen die
Interessen der westlichen Staaten so berührt, dass ihr Engagement
förmlich erzwungen wird.“ Von der Ende Juni in Istanbul stattfindenden
Gipfelkonferenz der inzwischen auf 26 Mitglieder angewachsenen NATO
erwartet; dass „das Meinungsbild im Bündnis klarer sein“ wird.
„Positive Motivierung“ der USA im Interesse deutscher Konzerne
Das Programm der Einmischung wurde von
Präsident Bush am 20. Januar so formuliert: „So lange der Mittlere
Osten ein Platz der Tyrannei und der Verzweiflung und des Zorns bleibt,
wird er weiter Menschen und Bewegungen hervorbringen, welche die
Sicherheit Amerikas und unserer Freunde bedrohen. Daher verfolgt
Amerika eine vorwärtsgerichtete Strategie der Freiheit im größeren
Mittleren Osten. Wir werden die Feinde der Reform herausfordern, gegen
die Verbündeten des Terrors Front machen und von unseren Freunden einen
höheren Standard erwarten.“ Grundsätzliche Zustimmung zur
neoliberalen Umgestaltung des größeren Mittleren Ostens ist einer der
Aspekte der “Freundschaft zu den Vereinigten Staaten”, die Köhler
meint. Daher werden die USA weiter die amerikanischen Militärbasen in
Deutschland für ihre mörderischen Operationen der Unterdrückung des
irakischen Volkes nutzen können. US-Truppen können infolge des
Bundeswehreinsatzes, die laut Verteidigungsminister Struck “deutsche
Interessen am Hindukusch zu verteidigt” von Afghanistan nach Irak
verlegt werden. Es passt dem deutschen Großkapital nicht, dass die
“arroganten” USA das Golföl exklusiv ausbeuten wollen. Aber mehr noch
fürchten die Konzerne und ihre Politiker, dass ihre Interessen leiden,
dass das irakische Volk mit internationaler Unterstützung die Invasoren
zum Rückzug zwingt. Nicht das verbrecherische Unterfangen der
Aggression, Besatzung und Rekolonisierung des Irak stört die
Imperialisten aller Länder. Was sie beunruhigt, ist, dass bei der
Durchführung des Verbrechens “schwerwiegenden Fehler” gemacht werden.
Denn diese könnten die Durchsetzung der kapitalistischen Globalisierung
erschweren.
Es gibt daher für fortschrittliche Menschen
weltweit viele gute Gründe den irakischen Widerstand politisch zu
unterstützen. Die wichtigsten sollen hier erörtert werden:
I. Ein Widerstand gegen eine völkermörderische Politik
Was heute im Irak geschieht ergibt sich aus der
Entwicklung der letzten 13 Jahre. Die Sanktionen, so hieß es
seinerzeit, hinderten Saddam Hussein daran, erneut
Massenvernichtungswaffen zu bauen. Das von den Vereinten Nationen
verhängte Wirtschaftsembargo forderte nach Schätzungen von
UN-Organisationen mehr als 1,5 Millionen Menschenleben. „Wir haben
gehört, dass eine halbe Million Kinder gestorben sind. Das sind, meine
ich, mehr als in Hiroshima. Und ist das der Preis wert?” wurde Madelein
Albright am 12. Mai 1996 in einer bekannten CBS-Fernsehsendung gefragt.
Zum allgemeinen Erstaunen antwortete sie: „Ich denke, dass ist eine
sehr schwierige Entscheidung, aber der Preis, denken wir, der Preis
ist es wert.“
Ein Verbrechen gegen die Menschheit
Völkermord liegt vor, wenn eine der in der
Völkermordkonvention von 1948 aufgeführten Handlungen begangen wird,
sofern diese „in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische,
rassistische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu
vernichten“. Zu diesen Völkermord darstellenden Handlungen zählen „c)
vorsätzlich solche Lebensbedingungen für eine Gruppe zu schaffen, die
darauf abzielen, ihre physische Vernichtung ganz oder teilweise
herbeizuführen;“ Frau Albright war zynisch und unvorsichtig genug,
öffentlich einzugestehen, dass Washington mit einem solchen Ergebnis
der Sanktionen rechnete. In Dokumenten des Pentagon von Anfang 1991
werden die Auswirkungen der Lahmlegung der Wasseraufbereitung und
Kanalisation auf die Volksgesundheit vorhergesagt.
Zu Handlungen, die Völkermord darstellen,
gehört ferner: „d) Maßnahmen zu verhängen, die auf eine
Geburtenverhinderung innerhalb einer solchen Gruppe gerichtet sind.“
Heute fragen Mütter in Basra nach der Entbindung als erstes nicht wie
gewöhnlich „Junge oder Mädchen?“ sondern „Ist es gesund?“
Missbildungen haben aufgrund radioaktiver Verseuchung durch
Uran-Munition im Krieg von 1991 beängstigend zugenommen. „Unsere
Untersuchungen zeigen, dass mehr als vierzig Prozent der Bevölkerung
um Basra Krebs bekommen werden. Wir erleben ein weiteres Hiroshima,“
schätzt der Onkologe, Dr. Jawad Al-Ali, Mitglied der Royal Society of
Physicians (zitiert nach islamonline.net, 5/15/03). Die radioaktive
Verseuchung durch die Invasion im Irak 2003 ist um ein Vielfaches
größer: “Das Pentagon und die Vereinten Nationen schätzen, dass beim
Angriff auf den Irak im März und April 2003 die USA und Großbritannien
1.100 bis 2.200 Tonnen panzerbrechender Geschosse aus angereichertem
Uran zum Einsatz brachten - weit mehr als die 375 Tonnen im Golfkrieg
1991.“ (Seattle Post Intelligencer, 8/4/03)
Seit der im März 2003 einsetzenden
hochtechnologischen Terroraktion „Schrecken und Furcht“ sind nach
Schätzungen des US-amerikanischen Menschenrechtsanwalts Ramsey Clark
mindesten 40.000 schutzlose Iraker und Irakerinnen ums Leben gekommen.
Infolge der täglichen Militäraktionen und Razzien steigt die Zahl der
Toten und Verwundeten weiter an.
Verbrechertum in der Pose von Justiz
Die für diese völkermörderische Politik
Verantwortlichen stellen sich als die „Befreier“ des Irak dar.
Angeklagt werden soll der irakische Staatspräsident Saddam Hussein. Mit
der Vorbereitung beauftragt wurde ein gewisser Salem Chalabi. Er ist
zufällig ein Neffe jenes notorischen Ahmad Chalabi, der ursprünglich
von Richard Perle und anderen neofaschistischen Kriegstreibern des
Pentagon als starker Mann im Irak ausersehen war aber vor kurzem fallen
gelassen wurde. Am 20. Mai wurde seine Wohnung und sein Büro von
irakischer Polizei und US-Truppen durchsucht, und zwar nach „Beweisen
für Betrug, Veruntreuung und Entführung durch Mitglieder seines
Irakischen Nationalkongresses und vielleicht einer Erklärung für
seinen Umgang mit dem iranischen Geheimdienst.“ (IHT v. 22. Mai 04)
„Hinzukommt kürzlich eine unpassende Initiative von Chalabi zur
Aufdeckung von Korruption der UNO im Zusammenhang mit dem seit 1996
bestehenden Programm „Öl für Nahrung“. Hat doch die Koalition
ihrerseits eine eigene Untersuchung eingeleitet. Unter den bei der
Durchsuchung beschlagnahmten Dokumenten sollen sich auch einige
sensible auf die UN bezogene Dokumente befinden, sowie andere, welche
das alte Regime betreffen, die die Interimbehörde ihn während der
großen Ausräumung der Ministerien nach dem Krieg hat wegschaffen
lassen. Chalabi, der sich von Feinden umgeben weiß, glaubte im Falle
eines Angriffs auf seine Person Gegenmunition in der Hand zu haben.“
Chalabis „Freund“ Paul Wolfowitz, Stellvertretender
US-Verteidigungsminister, habe mitgeteilt, ihm würden nun auch die
340.000 Dollar gestrichen, mit denen er bisher monatlich ausgehalten
wurde. (Figaro v. 22. Mai 04) Der Versuch der Besatzer, eine neue
Garnitur von Marionetten zwecks „Übergabe der Souveränität“
bereitzustellen, macht es erforderlich, wenigstens die übelsten der
bisherigen CIA-Gesichter aus dem Wege zu räumen. Seither übt sich der
internationale Geschäftemacher und Strohmann des Pentagon in der Rolle
eines Kritikers der „schwerwiegenden Fehler“ der Besatzungsmacht.
Neffe Chalabi bringt für den Job als Ankläger Saddam Husseins eine
interessante Voraussetzungen mit. Er ist „Teilhaber von Zell und Feith,
einer in Jerusalem ansässigen Rechtsanwaltsfirma, die von einem
West-Bank-Siedler geleitet wird, und in der Douglas Feith,
Staatssekretär für Verteidigungsplanung, ebenfalls Seniorpartner ist,
wenn er nicht gerade in der Regierung der USA beschäftigt ist.“ (so
der Orientalist der Universität Michigan, Professor Juan Cole). Ob
auch Neffe Chalabi seinen Kollaborateursjob verliert, bleibt
abzuwarten.
Strafrecht als Waffe imperialistischer
Aggression kam bereits gegen Jugoslawien und Afghanistan zum Einsatz.
Mit zweifelhaftem Erfolg. Die Anklage gegen Präsident Milosevic vor dem
Haager Tribunal ist praktisch mangels Beweisen zusammengebrochen.
„Richter“ May hat sich „aus Gesundheitsgründen“ aus dem Staube
gemacht. Was nicht hindert, dass der Prozess weiter durchgezogen wird.
Die extraterritoriale US-„Rechtspflege“ auf der US-Militärbasis
Guantanamo, die eher KZ-Verhältnissen ähnelt, hat zwar Beweise
erbracht, allerdings nicht für die Verantwortung von „Al-Qaida“ für die
Terroranschläge vom 11. September 2001 als für den Grad der
Faschisierung der USA.
„Saddam vor ein Gericht stellen,“ möchten auch
die Verfasser einer Pressemitteilung des Kasseler Friedensratschlags
vom 14. Dez. 04, in der die Festnahme des irakischen Staatschefs unter
der bemerkenswerte Überschrift: „Verhaltener Jubel bei der
Friedensbewegung“ kommentiert wird. Dass man nur verhalten jubelt,
lässt darauf schließen, dass auch deutsche Pazifisten das Bedürfnis
verspüren, „die Führungsmacht positiv zu motivieren“. Eben einfach zu
dumm, dass die Vollstrecker imperialer US-Justiz derart unappetitliche
Gestalten sind. Aber schließlich weiß man auch als deutscher Pazifist,
was man den Gewalthabern dieser Welt schuldig ist. Man bejubelt
wenigstens das - bedauerlicherweise um den Preis von 40.000
Menschenleben - herbeigeführte Ergebnis: den Sturz des Diktators, den
Systemwechsel, die Erniedrigung des Staatsoberhaupts einer arabischen
Nation. Spricht hier demokratisches Rechtsbewusstsein oder westlicher
Rassismus in pazifistischer Kostümierung?
Zu sühnen bleibt die völkermörderische Politik
der USA im Irak. Eine internationale Tribunalbewegung hat sich
formiert, um Beweise zu sammeln und die juristischen Grundlagen für
eine wenigstens symbolische Verurteilung der Schuldigen darzulegen. An
eine Vollstreckung der Urteile wird vorerst nicht zu denken sein. Doch
auch unter den bestehenden Machtverhältnissen kann es eine Form der
Sühne der völkermörderischen Verbrechen der USA und ihrer Verbündeten
im Irak geben: die Vertreibung der Invasoren durch den Widerstand des
irakischen Volkes, unterstützt von einem weltweiten Bündnis der
Solidarität.
II. Ein Widerstand der ganzen irakischen Nation
Gegen die Solidarität mit dem irakischen
Widerstand wird manchmal eingewendet, man wisse nicht, mit wem man sich
im Irak eigentlich solidarisieren solle. Bisher sind keine Personen
oder Organisatoren erkennbar, an denen sich die antiimperialistische
Bewegung orientieren könnte wie früher bespielsweise an Ben Bella, Ho
Chi Min oder Fidel Castro. Doch dürfte der Freiheitskampf im Irak in
seinen Grundzügen doch wohl kaum anders verlaufen als frühere nationale
Kämpfe gegen fremde Besatzung: In aller Regel erfolgt unter
Fremdherrschaft eine scharfe Polarisierung der ganzen Gesellschaft
zwischen Widerstand und Kollaboration. Dabei erbeben sich alle
möglichen Zwischenformen und Widersprüchen. Früher oder später werden
die Besatzer zum Abzug gezwungen sein. Die führenden Kräfte des
nationalen Widerstands werden auch nach der Befreiung die Geschicke des
Landes auf absehbare Zeit bestimmen.
Die Besatzer versichern immer wieder, der
Aufstand werde bald am Ende sein. Es handle sich um eine
Randerscheinung. Im Faschisten-Jargon sprechen sie von
“Saddam-Anhängern”, “Al-Quaida-Terroristen”, “kriminellen Elementen”,
“radikalen Klerikern” etc. Die Wirklichkeit sieht anders aus: “Heute
zeigen sich in der Wirklichkeit des Irak zwei gegensätzliche Tendenzen.
Auf der einen Seite das irakische Volk, das gegen die Besatzung seines
Landes mit vielfältigen Mitteln und auf der Basis von
Meinungspluralität Widerstand leistet. Dieser Widerstand äußert sich in
verschieden Kampfformen und wird durch sehr unterschiedliche
patriotische politische Richtungen organisiert. Auf der anderen Seite
der US-Imperialismus, der versucht, das Land mit der Hilfe einer
Regierung zu kontrollieren, die von ihm abhängig ist und aus irakischen
Kollaborateuren besteht, die an andere Episoden der Geschichte wie die
Besatzung unter dem Hitler-Faschismus erinnern.” (Aufruf zur
Internationalen Konferenz der Solidarität mit dem Widerstand des
irakischen Volkes am 15. Mai 2004 in Paris)
Die von Horst Köhler wiederholte
Binsenweisheit, dass die USA “für die Zeit nach dem Krieg keine
Strategie entwickelt“ hätten, ist zu bezweifeln. Ihre Strategie bestand
genau in dem, was sie tatsächlich taten: Die Kultureinrichtungen der
irakischen Nation wurden der Vandalisierung preisgegeben. Die gesamte
staatliche Struktur wurde liquidiert. Der totale Zusammenbruch der
öffentlichen Ordnung wurde absichtlich zugelassen. Krimineller
Banditismus wurde geduldet, um die Bevölkerung zu terrorisieren. Ein
irakischer Interimsregierungsrat (IGC) wurde nach ethnischem Proporz
aus handverlesenen Kollaborateuren zusammengesetzt, die -von den
Vertretern des kurdischen Separatismus abgesehen - keinerlei Rückhalt
in der Bevölkerung hatten und im Tross der Invasoren eingerückt waren.
Anstelle aller bisherigen Nationalfeiertage sollte künftig der “Tag der
Befreiung Bagdads” durch die Invasoren begangen werden. Die
Staatsflagge sollte einer der neuen weichen. Mit dem Verbot der
Baath-Partei vom12. Juni 2003 sollten die alten Eliten “ausgemerzt”
werden. All diese Maßnahmen kennzeichneten das Programm des von den USA
angekündigten “nation building”. Es bestand darin, die moderne
irakische Nation, die aus dem antikolonialen Kampf hervorgegangen war
und über 40 Jahre in einem souveränen Staat existiert hatte, in eine
Gesellschaft zu verwandeln, die, nach ethnischen und religiösen
Kriterien gespalten, im permanenten latenten Bürgerkrieg, dauerhaft auf
die neokoloniale Schirmherrschaft der USA angewiesen sein würde.
Diese gegen die staatliche Existenz der
irakischen Nation gerichtete Strategie entsprach der Ankündigung des
stellvertretenden US-Verteidigungsministers Wolfowitz kurz nach dem 11.
September 2001: “Wir werden Staaten beenden”. Dieser Strategie lag auch
die Option zugrunde, das Land in einen “schiitischen” Süden, eine
“sunnitische” Mitte und einen “kurdischen” Norden zu verreißen. Sie
vertrug sich allerdings von Anfang an schlecht mit der dem
Interimsregierungsrat (IGC) zugedachten Aufgabe, eine irakische Fassade
der neokolonialen Herrschaft abzugeben. Gescheitert ist dieses Konzept
am nationalen Widerstand des ganzen irakischen Volkes. Als dann am 23.
April Prokonsul L. Paul Bremer verkündete, die Besatzungsbehörde wolle
künftig auch Baath-Leute, darunter ehemalige Mitarbeiter des
Erziehungswesens und Angehörige der Armee, in den „Aufbau“ des Irak
einbeziehen, war dies das auch öffentliche Eingeständnis, dass das
Besatzungskonzept des strategischen Chaos, der Ethnisierung, und einer
CIA-Marionetten-Fassade gescheitert war. Das von Washinton verkündet
“nation building” im Irak ging nicht aus der Präsenz der USA hervor,
sondern der nationale Dialog kritallisierte sich im Gegenteil um das
Ziel der Vertreibung der USA.
Als Reaktion auf die Ankündigung der
Wiederzulassung von Baath-Leuten erschien ein zweiteiliger Artikel vom
26./27. April 04
(http://www.uruknet.info/colonna-centrale-pagina.php?p=2219&colonna=m),
in dem der anonyme Verfasser unter Berufung auf Quellen in der
Baath-Partei behauptet, „dass die ersten amerikanischen Fühlungnahmen
in Richtung Baath-Partei Ende 2003 begannen.“ „Zu diesem Zeitpunkt war
der Widerstand angewachsen; die Baath-Partei hatte sich in allen Teilen
des Landes reorganisieren können, vom Norden bis zum Süden und vom
Osten bis zum Westen; und die Amerikaner hatten ein für alle mal
erkannt, dass die Söldner und Strohmänner, die sie auf ihre Seite
gezogen hatten, keine Unterstützung im Lande hatten. Da verstanden die
Amerikaner, dass sie in einer wirklichen Klemme steckten, trotz der
fürchterlichen Kriegsmaschine unter ihrem Kommando, trotz ihrer
materiellen, politischen und propagandistischen Stärken. Die USA
schauten sich daher nach einer Lösung um. Nach einer Bestandsaufnahme
der Lage kamen die amerikanischen Berater mit keiner anderen
Alternative heraus als dem folgenden knappen aber nachhaltigen
Ratschlag: ‚findet einen Weg, mit der Baath-Partei eine Verständigung
zu erzielen.’ So geschah es dann auch Anfang diesen Jahres in einer
europäischen Hauptstadt dank der guten Dienste einer dritten Seite.
Diese teilte den Baath-Leuten mit: ‚die Amerikaner wollen eine
geeignete Lösung erreichen, die dazu führt, die Verluste, welche die
amerikanische Armee erleidet, zu reduzieren.’ Die Baath-Leute
entgegneten: ‚Die amerikanischen Verluste sind nur der Anfang. Das
einzige, womit wir es eilig haben, ist die Befreiung des Irak und der
Abmarsch der Invasionstruppen. Wenn die Amerikaner jetzt immer noch so
arrogant sind, geben Sie ihnen einige Monate, und Sie werden erleben,
das sie sich anstrengen, mit einer Verständigung aufzuwarten, die
geeignet ist, sie aus dem arabischen Treibsand zu befreien. Der
Widerstand im Irak verfolgt das Ziel, das amerikanische Programm nicht
nur im Irak sondern auf der Ebene der ganzen Region zu konterkarieren.“
Die Baath-Partei im Widerstand
Die ab 1968 im Irak regierende Partei der
arabischen „Wiedergeburt“, sieht sich nach der Invasion als das Rückrat
des militärischen Widerstands. Dies wird auch von anderen Trägern des
Widerstands eingeräumt: „Die Baath ist ein Gründungselement des
Widerstands. In der gegenwärtigen Phase ist sie die am meisten
organisierte Kraft,“ meint Abd al-Jabbar al-Kubaysi, der Vorsitzende
der Patriotischen Irakischen Allianz. (Interview vom 23. April 04;
<http://www.iraqresistance.net/article.php3?id_article=15>) „Wenn
sie kommen,“ hatte Präsident Saddam Hussein im August 2002
angekündigt, „sind wir bereit. Wir werden sie in den Straßen, von den
Dächern, von Haus zu Haus bekämpfen. Wir werden uns nie ergeben.“
Bereits dem Einmarsch der Invasionstruppen hatte die aussichtslos
unterlegene irakische Armee einen relativ starken Widerstand
entgegengesetzt, teilweise mit guerillaartiger Taktik. Dies sei nicht
der Gegner, mit dem man in den Planspielen gerechnet habe, brachte es
ein US-General auf den Punkt. Das ganze Erscheinungsbild des
unverzüglich einsetzenden bewaffneten irakischen Widerstands, die
Verfügbarkeit eines vielfältigen und ausreichenden Waffenarsenals der
Guerilla sowie von Geldmitteln, die Kampfweise in kleinen Gruppen, die
professionelle militärische Durchführung der Angriffe, die dezentrale
Kommandostruktur, die auch gegen geheimdienstliche Infiltration
immunisiert, all dies lässt keinen anderen Schluss zu, als dass
maßgebliche Kräfte des alten Regimes den Widerstand generalstabsmäßig
vorbereitet hatten. Die Baath-Partei, ideologischer Bannerträger
sowohl des „lokalen“ irakischen wie „regionalen“ arabischen
Nationalismus, hatte viele Iraker durch die verhassten Aspekte der
Machtausübung Saddam Husseins dem Propaganda-Nationalismus des Regimes
entfremdet. Doch der schon tot geglaubte irakische Nationalismus
erwachte zu neuem Leben, als sich die Lage der Bevölkerung unter der
Fremdherrschaft so verschlechterte, dass vielen die Zeit unter der
Diktatur erträglicher erschien. Eine Wiederherstellung früherer
Machtverhältnisse ist gänzlich ausgeschlossen. Wollte die Baath-Partei
dies versuchen, wäre ihr endgültiger Untergang besiegelt. Welche Rolle
die Baath-Partei im weiteren Verlauf des Befreiungskampfes spielen
wird, dürfte kaum davon abhängen, welche Meinungen man darüber im
Westen hegt. Die Baath-Partei geht wie die ganze irakische Nation durch
die schwere Prüfung des Kampfes gegen die neokoloniale Fremdherrschaft.
Letztlich entscheiden wird das irakische Volk.
In den beiden großen islamischen
Religionsgemeinschaften des Irak verläuft die Hauptlinie der
politischen Differenzierung unter der Fremdherrschaft nicht zwischen
Sunniten und Schiiten. Vielmehr zeigen sich die Differenzen in Grad und
Zielrichtung der Opposition gegen die Absichten und Vorhaben der
Besatzungsmacht. Das Wiedererwachen des irakischen, gesamtarabisch
geprägten Patriotismus überlagert alle sonstigen, auch ethnischen und
religiösen Unterschiede. Dies zeigte sich in den beiden
Hauptbrennpunkten der Aufstände im Frühjahr 2004. In beiden Fällen
wurden die Aktionen durch Provokationen der Besatzungsmacht ausgelöst.
Faludjah
Nach der Ermordung des palästinensischen
Hamas-Führers Scheich Ahmed Jessin durch Israel am 22. März nahm eine
Gruppe von Bürgern von Falludja spontan seinen Namen an und tötete vier
Sicherheitskräfte, ehemalige amerikanische Kampfschwimmer, die sich
als Söldner privat verdingt hatten. Ihre Leichen wurden geschändet.
Dies nahm die Besatzungsmacht zum Anlass für einen Generalangriff auf
den Widerstand. Doch trotz bestialischen Wütens der Besatzer gegen die
Bevölkerung der Stadt Faludja schreckte die US-Armee vor deren
Einnahme wegen zu befürchtender hoher Verluste zurück. Als die Besatzer
die Stadt im Stile israelischer „Terrorismus-Bekämpfung“ einkreisten
und alle Zugänge sperrten, kam es zu einer spontanen gemeinsamen
Solidaritätsaktion beider islamischen Glaubensrichtungen. „Eine alte
Rivalität trennte das schiitische Viertel Bagdads, Kazimiyah, von
seinem wohlhabenderen sunnitischen Nachbarn, Azamiyah. Nun ließen sie
ihre Feindschaft beiseite und organisierten einen humanitären Konvoi
mit 60 Lastwagen, der am 8. April nach Faludjah aufbrach, begleitet von
einer Menge, die Bilder von Scheich Jessin und Moqtada Al-Sadr mit sich
führte. Die Marines mussten einige durchlassen.“ (So der schon zitierte
amerikanische Orientalist Juan Cole in Le Monde Diplomatique, Mai
2004, S. 11) Der Kommandant der US-Marines, General James Mattis,
musste einen Waffenstillstand mit dem irakischen General Mohamed Latif
aushandeln. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Stadt entstand
eine von den Amerikanern finanzierte „Faludja-Brigade“ unter dem
Kommando von General Latif. Dieser irakische General, für die
Amerikaner laut Le Figaro (v. 17. Mai 04) ein „Mann der Vorsehung“ war
von 1979 bis 1986 in Haft, „weil er seine Stellung missbraucht hatte,
um von anderen Offizieren Geld zu erpressen“, wie sich die französische
Zeitung von einem „ehemaligen Mitglied der Nachrichtendienste von
Saddam Hussein“ sagen ließ. General Latif selbst beschrieb seine
prekäre Mission so: „Die amerikanische Armee kann nach Faludja
zurückkommen, wann sie will, aber es ist besser, dass sie sich nicht
zeigt.“ „Ich erhalte die Befehle von der Bevölkerung von Faludja.“ Der
eigentliche Verantwortliche für die Faludja-Brigade, so Le Figaro, sei
jener aus Faludja stammende General Jassem Mohamed, ein ehemaliger
Kommandeur der Republikanischen Garden, der sich zum Erstaunen der
Fernsehzuschauer in aller Welt in irakischer Generalsuniform den
Kameras präsentierte. Ihm seien viele Kader der Brigade ergeben.
Schiitische Hochburgen
Im Zuge der Operation gegen Faludja beschloss
die „Koalition“, gleichzeitig gegen den radikalen schiitischen Führer
Moqtada Al-Sadr vorzugehen. In seiner Zeitung „Al-Hawzah“ kamen die
antiamerikanischen Stimmungen der einfachen schiitischen Massen zum
Ausdruck, insbesondere nach der Ermordung von Scheich Jessin in Gaza.
Am 28. März ließen die Besatzer die Zeitung von Al-Sadr schließen und
erließen 28 Haftbefehle gegen seine Mitarbeiter. Seine Verhaftung
befürchtend, rief Al-Sadr die Milizen seiner Anhänger zum Aufstand auf,
der in Kufa, Nadjaf, Bagdad, Nassariya, Kut und Basrah erfolgte. Unter
dem Angriff der weit überlegenen US-Armee mussten sich die
Aufständischen aus den meisten der eroberten Stellungen wieder
zurückziehn. Dabei kam es zu Spannungen im schiitischen Klerus. Die am
4. Mai in Bagdad versammelten „schiitischen Führer, darunter der
Vertreter einer schiitischen Klerikergruppe mit engen Beziehungen zu
Großayatollah Ali al-Sistani taten,“ so die New York Times (v. 5. Mai
04), „sehr nachdrücklich, was die Amerikaner sie zu tun gedrängt
hatten, seit Sadr, ein 31jähriger Hitzkopf seine Angriffe im April
begann: Sie knüpften die Zukunft des Irak und insbesondere die der
Schiiten, an den Verzicht auf Gewalt und die Rückkehr zu
Verhandlungen.“
Der schiitischen Klerus tritt für einen starken
Zentralstaat aus Sunniten, Schiiten und Kurden ein. Beispielsweise
überwarf sich die schiitische Al-Daawa-Partei, die der Allianz der
Parteien angehörte, die von Ahmad Chalabi im Auftrag Washingtons im
Exil zusammengestellt worden war, mit der Allianz in der Frage der
Halbautonomie der Kurden. Beispielsweise ließ Moqtada Al-Sadr 2000
Kämpfer seiner Miliz, der Mahdi-Armee, aufmarschieren, um die 300.000
turkmenischen Einwohner von Kirkuk zu unterstützen, als sich dort im
Dezember/Januar in Kirkuk die ethnischen Spannungen verschärften wegen
des Projekts der Eingliederung der Stadt in einen kurdischen Kanton.
Und der schiitische Großayatollah Al-Sistani ließ über einen Besucher
wissen, dass er die Stämme und den sunnitischen Klerus beschwöre,
„sich mit allen anderen Irakern, den Schiiten, den Kurden, den
Christen, den Turkmenen zu vereinen. Vereinigt Euch und zählt auf mich,
um den Amerikanern die Stirn zu bieten.“ (Juan Cole, ebenda)
Neben dieser einheitsstaatlichen, nationalen
Orientierung besteht jedoch die Tendenz bestimmter schiitischer
Kleriker und Parteien, der Religion in einem künftigen irakischen
Staate maßgebenden Einfluss zu sichern. Das iranische Modell einer
unmittelbaren politischen Machtausübung durch den schiitischen Klerus
ist der multikulturellen irakisch Tradition gänzlich fremd. Doch
dürften die Ambitionen auch des irakischen Klerus dahin gehen, den
modernen laizistischen Charakter der bisherigen Republik Irak
aufzuheben und die Religion in den staatlichen Institutionen zu
verankern. Eine religiöse „Identität“ des neuen irakischen Staates
entspräche nicht nur der Besatzer-Ideologie des „Zusammenpralls der
Zivilisationen“ sondern auch den ideologischen Bedürfnissen von Teilen
der irakischen Bourgeoisie, die einen Kompromiss mit der
kapitalistischen Globalisierung suchen. Um dieses Ziel zu erreichen,
dürften manche Verfechter einer islamischen Identität des Staates
versucht sein, sich durch Kompromisse die Unterstützung der USA und
ihrer Verbündeten einzuhandeln. So empfehlen sich bestimmte religiöse
Kräfte angesichts des bewaffneten Widerstands der Besatzungsmacht als
„Friedensstifter“ zwischen den Fronten. Der Führer der Daawa-Partei,
Ibrahim Jaafari, begab sich Anfang April nach Teheran zu dem letztlich
vergeblichen Versuch, die Regierung Khatami zu einer Vermittlung
zwischen Moqtada al-Sadr und den Vereinigten Staaten zu bewegen. Die
Schwadronen der Daawa haben seit dem Sturz des Baath-Regimes viele
seiner Anhänger umgebracht. Aber auch Daawa geriet in die Schusslinie:
Am 17. Mai starb der Vertreter der Daawa im Interimsregierungsrat, der
turnusgemäß den Vorsitz führte, bei einem Attentat am Checkpoint zur
hochgesicherten „Grünen Zone“ der Besatzungsmacht.
Und während Al-Moqtada die schiitischen Massen
aufrief, zu seiner Unterstützung in Kerbela und Nadjaf
zusammenzuströmen, drängte Al-Sistani, der sich bisher wenig direkt in
politische Angelegenheiten eingemischt hatte, die Al-Sadr-Milizen zum
Rückzug aus Kerbela und Nadjaf. Am 18. Mai erklärte Sistani: „Es ist
zulässig, den Rückzug aller militärischen Kräfte aus den beiden Städten
zu fordern sowie der Polizei und den Stammeskräften zu erlauben, ihre
Rolle bei der Schaffung von Sicherheit und Ordnung einzunehmen".
(Reuters v. 18. Mai 04) Welchen geistlichen Führern und welchen
Parolen die islamischen Massen, die armen Unterschichten und die
städtischen Mittelschichten folgen werden, wird davon abhängen, wie
glaubwürdig sie die Interessen der irakischen Nation gegenüber den USA
vertreten. Schon jetzt hat jedenfalls die bewaffnete irakische
Resistance ein organisiertes militärisches schiitisches Element
erhalten. Das im Irak erprobte republikanisch-laizistische
Verfassungskonzept ist ein positives Erbe der antiimperialistischen
Orientierung der Republik Irak. Die Gefahr eines Scharia-Staates im
Irak sollte nicht übertrieben werden. Aber man sollte auch nicht
laizistische Kräfte wie die Baath-Partei ignorieren oder diffamieren,
die allein eine religiösen Ideologisierung des künftigen irakischen
Staates verhindern können.
Die bisherige Entwicklung des nationalen
irakischen Widerstands hat deutlich gezeigt, dass
Klassenauseinandersetzungen innerhalb der Gesellschaft des Irak eine
untergeordnete Bedeutung haben, solange die neokolonialistische
Fremdherrschaft anhält, und vor allem solange fremde Truppen im Lande
stehen. Daran dürfte sich auch durch eine Beteiligung der UNO an der
Rekolonisierung des Irak nichts ändern. Der nationale Widerstand ist
unter den gegebenen Bedingungen die wesentliche Form des
antikapitalistischen Klassenkampfes. “Jede Forderung nach nationaler
Souveränität wird heute zu einer antiimperialistischen Position und
damit antikapitalistisch,“ wie Ana Elisa Osorio Granado auf der
diesjährigen Rosa-Luxemburg-Konferenz treffend feststellte und damit
als venezolanische Umweltministerin auch aus der Erfahrung des eigenen
Landes sprach. (junge Welt v. 12. 01. 04)
III. Ein Widerstand gegen die Zerstörung des internationalen Rechts
„Auch im Irak,“ schreibt der Völkerrechtler
Bernhard Graefrath, „hat die UNO bereits mit der
Sicherheitsratsresolution 1483 die Herrschaft der USA und ihrer
Verbündeten ungeachtet der Völkerrechtswidrigkeit des Krieges
anerkannt. In der Resolution findet sich kein Wort darüber, dass es für
den Krieg kein UN-Mandat gab, dass die USA für den angerichteten
Schaden aufkommen und die Opfer entschädigen müssen. Statt dessen wird
akzeptiert, dass der militärische Oberbefehl, die Kontrolle über die
Ökonomie und die politische Entwicklung bei den USA liegt. Die Rolle
der UNO bleibt auf humanitäre Hilfe beim Wiederaufbau Iraks beschränkt.
Unter Berufung auf anwendbares Völkerrecht werden in der Resolution die
USA und ihre Verbündeten ohne Einschränkung als Besatzungsmächte
anerkannt, und als "Behörde" bezeichnet, wobei ausdrücklich auf die
einheitliche Führung durch die USA Bezug genommen wird. Angesichts
dessen, was täglich über das US-Besatzungsregime in Irak berichtet
wird, klingt es aber fast wie Hohn, wenn in der Resolution nicht etwa
die USA und ihre Verbündeten, sondern alle Beteiligten aufgefordert
werden, "ihre Verpflichtungen nach dem Völkerrecht, insbesondere auch
nach den Genfer Abkommen von 1949 und der Haager Landkriegsordnung von
1907 voll einzuhalten." Ferner weist Graefrath darauf hin, dass durch
die Resolution 1500 (2003) sogar eine Zusammenarbeit mit dem von der
Besatzungsmacht eingesetzten irakischen Regierungsrat empfohlen wird.
Obgleich die USA ihre Pflichten als Besatzungsmacht im Irak gröblich
verletzen, werde das weder in dieser noch in der neuen Resolution des
Sicherheitsrates, der Res. 1511 vom 16. Oktober 2003 gerügt. Diese
Resolution autorisiert die Aufstellung einer UN-Schutztruppe unter dem
Kommando der USA. Sie soll die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um zur
Aufrechterhaltung von Sicherheit und Stabilität im Irak beizutragen und
die Bedingungen für die Einhaltung des Zeitplanes für die Ausarbeitung
einer Verfassung und die Abhaltung von Wahlen sicherzustellen.“
(Bernhard Graefrath, Für den Erhalt des Völkerrechts als
Friedensordnung - Das imperium americanum ist keine Friedensordnung,
in: Weißeseer Blätter 3+4/2003, S.36-48)
Die Vereinten Nationen im Irak als neutraler Vermittler?
Die Regierungsclique um George Bush hat die
Ausbeutung des Irak zu einer Privatveranstaltung der US-Konzerne
Halliburton, Bechtle etc. gemacht. Nicht nur Konkurrenten wie Siemens
und andere Monopolfirmen der „Verbündeten“ kamen bisher allenfalls als
Subunternehmer zum Zuge. Auch einheimische irakische Firmen blieben von
öffentlichen Aufträgen der Vorläufigen Zivilverwaltung (CPA) weitgehend
ausgeschlossen. Die Profitgier der US-Monopole, von keiner
gesamtkapitalistischen „Staatsraison“ gezügelt, verprellte selbst
Kreise der einheimischen Bourgeoisie, die aus Klasseninteresse zum
Arrangement mit den neuen Kolonialherren neigen. Auch dies sicher aus
der Sicht von Horst Köhler, des ehemaligen Präsidenten des
Weltwährungsfonds, „ein schwerwiegender Fehler“. Die CPA, die das
besetzte Land „regiert“ ist kein Organ der „Koalition“. Niemand kann
sagen, wer eigentlich diese Koalition ist und wer genau zu ihr gehört.
Von Beschlüssen einer Staatenkonferenz ist nichts bekannt. Die CPA
beruht nicht auf internationalem Recht. Sie ist aber auch keine Agentur
der Vereinigten Staaten. Wie Rechtsstreitigkeiten über die Vergabe
öffentlicher Aufträge gezeigt haben, ist die Behörde keine Körperschaft
des öffentlichen Rechts der USA sondern, so die logische
Schlussfolgerung von Thierry Meysan („Voltaire“ v. 14. Mai 04), ein
Privatunternehmen. In dieser Manier ließ einst im 19. Jahrhundert König
Leopold II von Belgien den von belgischen Truppen eroberten Kongo
durch seine Privatfirma ausbeuten.
Bei der für den 30. Juni geplanten „Übergabe
der Souveränität an die Iraker“ stellt sich die Frage, wer eigentlich
im Besitz dieser Souveränität ist, an wen sie übergeben werden kann. Da
es auf diese elementare Frage keine Antwort gibt, die geltendem
Völkerrecht entspricht, wird eine neue Resolution des Sicherheitsrats
nur ein weiterer Ekel erregender Akt der Willkür sein, um für die
Besatzer die Quadratur des Kreises zu lösen. Gesucht wird eine
pseudo-legale Formel für eine Marionettenregierung, die den Widerstand
bekämpft, aber den USA gestattet, das Land auf unbestimmte Zeit
militärisch, politisch und wirtschaftlich zu beherrschen. Ferner soll
sie die Schiebereien von CPA und US-Firmen formal legitimieren. Wie
diese Formel in Form einer neuen Sicherheitsratsresolution ausfallen
wird, wird von dem Geschacher der USA mit Deutschland, Frankreich und
Russland abhängen.
Kein Ende des Widerstands ohne Abzug der Invasoren
„Die Baath-Partei erhebt gegen die Rückkehr der
UNO in den Irak keine Einwendungen unter der Bedingung, dass sie ihre
eigentliche und legale Rolle spielen und die internationale Legitimität
verteidigen wird.“ So die Position der Baath-Partei bei der oben
erwähnten indirekten Fühlungnahme mit Washington, die über eine „Dritte
Partei“ zustande kam.
Allerdings stellt die Baath folgende
Bedingungen: Verurteilung der Invasion als Akt der Aggression,
vollständiger Abzug der Besatzungstruppen sowie Entlassung der
irakischen Gefangenen, „einschließlich der festgenommenen Führer des
Landes“. Eine nationale Versöhnung müsse zwischen allen irakischen
nationalen Kräften, einschließlich der Baath, stattfinden. Abgelehnt
wird „selbst die Idee eines Dialogs mit Kräften aus Verrätern und
Strohmännern sowie mit sektiererischen und chauvinistischen Gruppen,
welche Losungen verbreiten wie Föderalismus oder Konföderalismus, die
darauf abzielen, das Land zu spalten, sei es nach religiösen oder
ethnischen Linien.“ Der UN-Beauftragte Lakhdar Brahimi werde „gemäß den
höchsten irakischen und arabischen nationalen Interessen behandelt
werden“. Der Widerstand im Irak ist „ein Ganzes, das nicht aufgespaltet
werde kann, und die Baath bildet sein Rückrat. Alle konstituierenden
Teile des Widerstands sind den Interessen des Irak und seinem
arabischen Umfeld verpflichtet, für die Sache des Irak, Palästinas und
gegen die Pläne für den ‚größeren Mittleren Osten’ “ Schließlich wird
bekräftigt, der Widerstand werde, „während der Verhandlungen nicht
aufhören sondern erst nach einer endgültigen Regelung oder dem Abzug
der Invasoren.“
IV. Ein die Weltpolitikpolitik verändernder Widerstand
Die eingangs zitierten Äußerungen des
inzwischen zum Bundespräsidenten gewählten Horst Köhler lassen keinen
Zweifel, dass das deutsche politische Establishment mehr oder minder
geschlossen bereit ist, sich im Irak mit konkreten Maßnahmen an einer
Art „kollektivem Kolonialismus“ unter der „positiv zu motivierende
Führungsmacht USA“ zu beteiligen, sofern diese das nötige
Entgegenkommen zeigt. Die herrschende Klasse in Deutschland kennt auch
keine Skrupel, die weitere Pervertierung der internationalen
Rechtsordnung und der UNO mitzumachen, wenn es darum geht, die
kapitalistische Globalisierung im Irak und im „größeren Mittleren
Osten“ gegen die Völker der Region durchzusetzen.
Der irakische Widerstand hat den
völkermörderischen, faschistischen Charakter der Politik Washingtons
offen gelegt. Er einigt die irakische Nation im Kampf für nationale
Würde und Selbstbestimmung. Er hat hat ein kleines aber nicht zu
übersehendes Gegengewicht gegen die imperialistische Zerstörung des
internationalen Rechts geschaffen. Er trägt dazu bei, fortschrittliche
Kräfte in aller Welt gegen Rassismus, Neokolonialismus und Krieg zu
mobilisieren. „Die US-Intervention gegen Venezuela wäre aggressiver
ohne den Widerstand des irakischen Volkes,“ erklärte die schon zitierte
venezolanische Entwicklungsministerin an gleicher Stelle. Der irakische
Widerstand hilft vielen Völkern, auch wenn Washington - in einer Flucht
nach vorn - die Aggression gegen Kuba und Syrien kürzlich verstärkt
hat.
Quelle: Deutscher Freidenker-Verband
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