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Auszug: Diese Aussage würde auch die entschieden weltlich orientierte Khaleda
Jarrar aus Ramallah unterschreiben, die für die Volksfront für die
Befreiung Palästinas (PFLP) im PLC sitzt: "Die Hamas ist nicht das
Problem, sondern die Fatah. Die hat im letzten Parlament ausgesprochen
rückschrittliche Reformen vorgeschlagen, zum Beispiel ein Strafgesetz,
das auf dem Islam basiert und als Strafmaß für Ehrenmorde eine
Höchststrafe von gerade mal sechs Monaten vorsieht." Derselben Meinung
ist Mariam Saleh. Die neue Frauenministerin, promovierte Expertin für
islamisches Recht, wurde für die Hamas in den PLC gewählt: "Wir brauchen
Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen, eine Reform des
Familienrechts und neue Erbschaftsgesetze." Der Artikel erschien 2006 im Eurozine
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Hamas und die Last der Macht
Der Plan von Präsident Abbas, ein Referendum über die Zukunft
Palästinas abzuhalten, setzt die Hamas unter Realitätsdruck. Angesichts
leerer Kassen müssen die regierenden Islamisten den Kompromiss mit der
Fatah suchen. Aber können sie das?
Selten habe er eine Regierung gesehen, die so unter Druck steht: "Wir
werden schlicht an die Wand gepresst. Wir kommen kaum noch zum Luftholen
oder zum Nachdenken", sagt Asis Dweik in Ramallah. Dweik ist Sprecher des
Palästinensischen Legislativrats (PLC). Er hat seine akademische
Karriere an US-amerikanischen Universitäten gemacht und weiß, wovon er
spricht. "Wenn der Westen das Scheitern der Hamas wünscht, bitte schön.
Aber es wird kein Beitrag zum internationalen Frieden und Wohlergehen
sein, es wird vielmehr die Radikalisierung der Palästinenser fördern. Und
den Preis zahlen die Menschen dieser Region."
Das Geld fehlt ihnen jetzt schon. Zwar hat die Europäische Union
versprochen, ihre Finanzhilfe wieder aufzunehmen, doch wie genau das
aussehen soll, sagt sie nicht. Und das finanzielle Embargo, das Israel
und der Westen über die Hamas-Regierung, die aus den Wahlen im Januar
hervorging, verhängte, hat die Lage im Westjordanland und in Gaza bereits
dramatisch verschärft. Die Situation hier erinnert an den Irak zu Zeiten
des UN-Embargos: Überall fehlt es an Geld und Nahrungsmitteln, an
Medikamenten und Benzin, und die Krankenhäuser können nur noch
Notfallpatienten versorgen.
Diese Sanktionen richten sich gegen eine Regierung, die das Resultat von
transparenten Wahlen ist, die auch Washington gewollt hatte. Doch nach
der Wahl zeigen sich die USA und Israel entschlossen, die Autorität der
Hamas- Regierung zu untergraben. Das sorgt für Spannungen zwischen der
Fatah, dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA),
Mahmud Abbas, und der Hamas. 700 000 Palästinenser sind auf die Gehaltszahlungen der PA angewiesen.
PLC-Generalsekretär Mahmud Ramahi erläutert: "Die Zahl der
PA-Angestellten ist zwischen 2000 und 2006 von 120 000 auf 167 000
angestiegen; allein 10 000 wurden in den letzten drei Monaten der alten
Regierung eingestellt." Diese neu rekrutierten Leute sollten der Fatah
zum Wahlsieg verhelfen. 2005 waren die Haushaltsausgaben der PA in Höhe
von 1,8 Milliarden Dollar durch drei Einnahmeposten abgedeckt: 790
Millionen Dollar durch von Israel überwiesene Zolleinnahmen, 350
Millionen durch das interne Steueraufkommen, der Rest stammte aus
internationalen Hilfsgeldern.
Der Erziehungsminister kann keine Lehrer bezahlen
Die PA beschäftigt 70 000 Sicherheitskräfte, 40 000 Lehrer und 9000
medizinische Fachkräfte. "Die Lehrergehälter machen ein Drittel des Etats
aus", erklärt Nassereddin al-Schair, Vizepremier und Erziehungsminister.
"Einige bekommen seit neun Monaten kein Gehalt. Das Ministerium hat
nicht einen Dollar mehr. Das wirkt sich auch auf den privaten Sektor aus.
Ohne Hilfsgelder sind wir aufgeschmissen. Die Menschen leiden jetzt
schon. Wie lange werden sie sich in Geduld üben? Auf uns kommen schwere
Zeiten zu, mit sozialen und politischen Unruhen und Streiks."
Die neue Regierung hat die arabisch-islamische Welt um Hilfe gebeten.
Ägypten und Jordanien bleiben aber auf Distanz, wohl aus Angst, auch bei
ihnen könnte eine islamistische Regierung an die Macht kommen. Andere
Staaten haben Hilfe zugesagt, erläutert Finanzminister Omar Abdel Rasek:
"35 Millionen Dollar kamen aus Algerien, noch bevor wir im Amt waren. Die
10 Millionen Dollar aus Russland fließen ins Gesundheitswesen. 70
Millionen Dollar können wir von der Arabischen Liga abrufen. 50 Millionen
kommen aus Katar, 20 Millionen aus Saudi-Arabien, 50 oder vielleicht
sogar 100 Millionen aus dem Iran und 50 Millionen Dollar aus Libyen. Das
Problem ist, wie man die Gelder ins Land bekommt. Auf die Banken, vor
allem die US-amerikanischen, wird Druck ausgeübt, keine Hilfsgelder zu
transferieren." Die USA, die EU und andere internationale Geber verlangen von der neuen
Regierung drei Zusagen: Sie müsse der Gewalt abschwören, den Staat Israel
anerkennen und die unterzeichneten Vereinbarungen zwischen
Palästinensern und Israelis einhalten. An die israelische Seite hingegen
wurden keine Forderungen gestellt. Die Bedingungen empören selbst
nichtreligiöse Menschen wie Soraida Hussein, eine Frauenrechtlerin aus
Ramallah: "Wir müssen uns gegen die Einmischung aus dem Westen wehren.
Deshalb stehen wir hinter der Hamas. Die Menschen haben sie gewählt, und
wir müssen diese Wahl respektieren." Ähnlicher Meinung ist Ghassan Khatib, ehemals Minister der
(exkommunistischen) Palästinensischen Volkspartei: "Im Ausland begreift
man nicht die Feindschaft, die man hier gegen die USA empfindet. Sollte
die Regierung zu Fall kommen, wird die Hamas noch an Stärke und
Legitimität gewinnen. Sie wäre der einzige Sieger. Ist den USA das nicht
klar?" Die Spannung im Büro des palästinensischen Ministerpräsidenten Ismail
Hanije in Gaza ist mit Händen zu greifen. Hanijes politischer Berater
Ahmad Yussef sorgt sich um die Sicherheit seines Chefs. Kurz zuvor hatten
ihn Sicherheitsleute der Fatah gehindert, eine von ihnen kontrollierte
Zone zu durchqueren. Der Ministerpräsident lässt den Medienzirkus
lächelnd über sich ergehen. Er posiert vor dem riesigen Foto der
Al-Aksa-Moschee, das hinter seinem Schreibtisch hängt, oder er ruft
Romano Prodi an, um ihm zu seinem Wahlsieg zu gratulieren. Und er drückt sich äußerst bedachtsam aus: "Wir werden das
palästinensisch-israelische Abkommen akzeptieren, wenn es unseren
Interessen entgegenkommt." Die Initiative der arabischen Staaten auf
ihrem Gipfeltreffen 2002 in Beirut bewertet er positiv. In der damals
formulierten Plattform, die auf der Koexistenz der beiden Staaten Israel
und Palästina basiert, sieht er "viele positive Elemente. Falls wir
Vorbehalte haben, werden wir die formulieren, wenn Israel zugestimmt
hat." Ist seine Regierung wirklich schon bereit, sämtliche UNO-Resolutionen
zum Israel-Palästina-Konflikt zu akzeptieren? "Wir sind bereit, uns mit
ihnen zu befassen und sie ernst zu nehmen, wenn sie den palästinensischen
Interessen dienen und wenn Israel sie ebenfalls akzeptiert." Gilt das
auch für die Resolution 242? "Wenn die Israelis sich zurückziehen, werden
wir uns mit der neuen Realität auseinander setzen. Aber die unilaterale
Politik, die uns gar nicht einbezieht - wie vorher auch nicht Mahmud
Abbas -, ist keine friedliche oder gerechte Lösung." In Ramallah geht Finanzminister Abdel Rasek noch ein Stück weiter: "Wir
müssen abwarten, was die Israelis uns anbieten. Danach sehe ich kein
Problem, mit ihnen zu verhandeln. Aber das kann nicht über die Medien
geschehen. Sollte Israel sich einseitig zurückziehen und ein unabhängiger
palästinensischer Staat entstehen, könnten wir ohne weiteres einen
Waffenstillstand aushandeln oder sogar eine Zweistaatenlösung. Aber der
Inhalt muss stimmen: vollständiger Rückzug auf die Grenzen von 1967, auch
in Jerusalem, Auflösung der Siedlungen und Abriss der Trennmauer; für
die Flüchtlinge die Erlaubnis zur Rückkehr und Kompensationen; und auch
für die Leiden unseres Volkes unter der Besatzung muss es Entschädigungen
geben." Kaum zu glauben, dass dieser freundliche und höfliche Mann noch während
des Wahlkampfs im Gefängnis saß. Um sein Regierungsamt antreten zu
können, wurde er unter Auflagen freigelassen. Von den 74
Hamas-Abgeordneten des PLC war nur einer nicht im Gefängnis. Es ist fast
ein kleines Wunder, dass dieses palästinensische Parlament und seine
Ausschüsse in separaten Gebäuden tagen, von denen das eine in Ramallah
und das andere in Gaza-Stadt steht. Die gewählten Repräsentanten beider
Regionen kommunizieren über einen Videolink, denn den meisten von ihnen
haben die israelischen Behörden verboten, die 80 Kilometer israelischen
Gebiets zu durchqueren, die den Gaza-Streifen und das Westjordanland
voneinander trennen. Präziser wird der Regierungssprecher in Gaza, Ghazi Hamed: "Wir haben
den Europäern gesagt: Wir sind zu politischen Kompromissen bereit. Aber
der Westen darf uns nicht immer neue Bedingungen aufdrücken. Und wie
können wir ein Abkommen akzeptieren, das Israel nach wie vor ablehnt? Wir
sagen ganz klar: Wenn Israel die Resolution 242 akzeptiert, tun wir es
auch. Aber Israel sollte den ersten Schritt machen. Wir haben ja kein
Land, das wir abtreten können. Das Einzige, was wir aufgeben können, ist
unsere Sicherheit." Die Palästinenser haben für die Hamas gestimmt, weil diese saubere Hände
hatte. Weil sie nicht durch Korruption belastet war, über eine starke
soziale Basis verfügt und auf kommunaler Ebene gut gearbeitet hat. Und
weil die Strategie der Fatah gescheitert war. Raja Sourani, der das
Palestinian Centre for Human Rights in Gaza leitet, meint über die Hamas:
"Die Wähler wollen der Hamas eine faire Chance geben, weil hier ganz
normale Leute mitarbeiten. Aber die Besatzer sind eben immer noch da: Sie
befinden über die Medikamente, die wir unseren Kindern verabreichen. Wir
sind hier am Ersticken." Und dann schildert er, wie die Palästinenser die letzten Jahre erlebt
haben: "Israel nannte Arafat den Paten des Terrorismus und belagerte ihn
in Ramallah. Danach kam Abu Masen, mit dem haben sie noch nicht einmal
gesprochen. Und jetzt werden wir dafür bestraft, dass wir unseren freien
Willen ausgedrückt und die Hamas gewählt haben. Wir gelten also ohnehin
als Feind. Aber was jetzt passiert, das sieht ganz so aus, als wolle man
Bin Laden auf den Plan rufen." Rawja Schawa, eine der wenigen unverschleierten Frauen in Gaza, ist
unabhängige Abgeordnete im palästinensischen Parlament: "Ich war gegen
die Fatah, weil sie uns als Gesellschaft in die Vergangenheit
zurückgezerrt hat. Deswegen haben ja alle für die Hamas gestimmt. Ich
werde sie unterstützen, solange sie die Korruption bekämpft. Für eine
konservative muslimische Gesellschaft wie die unsere ist die Hamas kein
Problem. Sie will ja keinen Staat à la Chomeini aufbauen." Diese Aussage würde auch die entschieden weltlich orientierte Khaleda
Jarrar aus Ramallah unterschreiben, die für die Volksfront für die
Befreiung Palästinas (PFLP) im PLC sitzt: "Die Hamas ist nicht das
Problem, sondern die Fatah. Die hat im letzten Parlament ausgesprochen
rückschrittliche Reformen vorgeschlagen, zum Beispiel ein Strafgesetz,
das auf dem Islam basiert und als Strafmaß für Ehrenmorde eine
Höchststrafe von gerade mal sechs Monaten vorsieht." Derselben Meinung
ist Mariam Saleh. Die neue Frauenministerin, promovierte Expertin für
islamisches Recht, wurde für die Hamas in den PLC gewählt: "Wir brauchen
Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen, eine Reform des
Familienrechts und neue Erbschaftsgesetze."
Die Fatah war ein einziger Selbstbedienungsladen
Überall in Gaza herrscht eine feindselige Stimmung gegen die Fatah. Auch
Sufi Abu-Zeid, ehemals Minister in der Fatah-Regierung, hat Arafat am
Ende heftig kritisiert. Wird die Fatah ihre politische Auszeit nutzen
werde, um sich zu reformieren und die internen Differenzen zu überwinden?
"Ich glaube, leider nein", meint Abu-Zeid. Das Dröhnen der israelischen
Artillerie ist hier lauter zu hören als zuvor. Wir befinden uns in der
Nähe des sandigen Brachlands, von wo die Milizen der Fatah und des
islamischen Dschihad ihre Kassam-Raketen nach Israel hineinfeuern, wobei
die meisten ins Meer fallen. Die Granaten der Israelis dagegen schlagen
vor allem in den Ortschaften ein, die zu beiden Seiten der Straße zum
israelischen Checkpoint Eretz liegen.
Ein Stück weiter, in Sudaniya, besuche ich Khaled al-Yazji, ehemals
enger Mitarbeiter Arafats und dann stellvertretender Innenminister unter
Abbas. Plötzlich eine ohrenbetäubende Explosion. Kurz darauf die Meldung
über das Mobiltelefon: Es war ein Flugzeug oder eine Drohne, aber es
wurden keine Kinder verletzt. Al-Yazji redet weiter: "Die Partei war ein
einziger Selbstbedienungsladen. Eine kleine Clique hat uns im Stich
gelassen. Jetzt müssen sie abtreten. Die Fatah ist unfähig, die
PLO-Institutionen zu reformieren, jetzt muss die Hamas ran." Auch die Hamas wünscht sich vermutlich ein Ende der Gewalt, insbesondere
der Angriffe, die vom Gaza-Streifen ausgehen. Unter vier Augen geben
Hamas-Funktionäre zu, dass sie sinnlos sind und sogar eine politische
Belastung. Seit über einem Jahr hält sich die Hamas strikt an eine
Waffenruhe. Jamil Hilal ist Soziologe und ein unabhängiges Mitglied des
Palästinensischen Nationalrats. Er meint, die Hamas müsse jetzt genau
sagen, "was sie unter Widerstand versteht, und vor allem, wie sie zu
Selbstmordanschlägen steht". Am 18. April wurden in Tel Aviv beim schlimmsten Selbstmordattentat seit
August 2004 elf Menschen getötet und mehr als sechzig verletzt. Während
Abbas den Anschlag als "widerwärtig" verurteilte, erklärte der
Hamas-Sprecher Sami Abu-Zuhri gegenüber BBC International: "Es war ein
Akt der Selbstverteidigung, eine natürliche Antwort auf die Aggression
Israels." Die Palästinenser würden "ihren Widerstand fortführen, doch nur
gegen das Militär und gegen die Siedler". Zwei Tage danach treffe ich
ihn in Gaza. Warum er nicht gesagt habe, dass der Islamische Dschihad für
den Anschlag verantwortlich war und dass die Hamas sich an den
Waffenstillstand hält? "Wir fanden es unangebracht, zu erklären, dass wir
für die Waffenruhe sind." Warum das? Offiziell habe die Hamas der Gewalt
noch nicht abgeschworen. Doch die Bewegung hat schon einen weiten Weg hinter sich, seit sie den
bewaffneten Widerstand für die Rückgewinnung von ganz Palästina
propagiert hat. Es dauerte Jahre, bis die Hamas auf der politischen Bühne
mitmischte, das heißt aber zugleich: die Anerkennung der
Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) vollzog, die ja ein Produkt des
Oslo-Abkommens war, das von der Hamas früher als "Ausverkauf Palästinas"
denunziert wurde. Die Debatte innerhalb der Hamas wurde dadurch
erschwert, dass die einzelnen Führungsgruppen geografisch verstreut
lebten: in Gaza, wo die Bewegung zu Beginn der ersten Intifada entstanden
war, im Westjordanland und auch außerhalb von Palästina, in Amman und
Damaskus. Der überraschende Wahlerfolg vom Januar 2006 traf die Bewegung
völlig unvorbereitet und zwang sie, sich vollends in die PA zu
integrieren. Auf kommunaler Ebene verhält sich die Hamas bislang pragmatisch. Sie
betont, sie wolle den Palästinensern ihre Vision einer islamischen
Gesellschaft nicht aufzwingen. Sie sieht sich selbst als demokratisches
Vorbild für die Staaten der Region. Wobei sie im Auge hat, dass im Falle
freier Wahlen in den arabischen Ländern die Muslimbruderschaften in
Ägypten, Jordanien und anderswo an die Macht kommen würden. Bei der Wahl des Ministerpräsidenten hat sich der Kandidat der
Westjordanlandbewohner, der gemäßigte Ismail Hanije, gegen den
erfahreneren, aber auch radikaleren Mahmud Zahhar durchgesetzt, der
Außenminister wurde. Der 43-jährige Hanije lebt noch immer in seinem
bescheidenen Haus im Lager Schati von Gaza-Stadt, wo er als Flüchtling
der zweiten Generation aufgewachsen ist. Zahhar dagegen ist der einzige
Überlebende der älteren Hamas-Garde, die durch gezielte israelische
Mordanschläge schwer dezimiert wurde. Als Bewegung hält die Hamas an ihren geheimen Organisationsstrukturen
fest, doch jetzt hat sie als Partei auch eine öffentliche und politische
Rolle, denn immer mehr ihrer Mitglieder sind in offizielle Ämter
eingerückt. Das "politische Außenbüro" unter Leitung von Chaled Meschal
spricht für die Palästinenser, die innerhalb wie jenseits der
palästinensischen Gebiete verstreut leben. Das befähigt die Bewegung zu
einem breit gefächerten Diskurs. Die Hamas schließt nicht aus, ihre
Verfassung zu ändern oder mit Israel auf Grundlage der Grenzen von 1967
zu verhandeln. Doch insgesamt bleibt unklar, wie ihre künftige Politik
aussehen wird. Auf der aktuellen Tagesordnung stehen vor allem der internationale
Boykott und die zunehmenden Spannungen zwischen Hamas und Fatah. Einer
funktionierenden "Kohabitation" zwischen beiden Bewegungen steht vor
allem die Tatsache im Wege, dass die Bemühungen der Hamas, in die
Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) aufgenommen zu werden,
vorerst gescheitert sind. Doch obwohl sie nicht zur PLO gehört, sind ihre
gewählten Abgeordneten in der palästinensischen Legislative qua Amt
zugleich Mitglieder des Palästinensischen Nationalrates (PNC), der
höchsten Instanz der PLO. Damit besetzt die Hamas, ohne PLO-Mitglied zu
sein, zehn Prozent der Sitze im PNC. Gegen den Anspruch der PLO, die "einzige rechtmäßige Vertretung des
palästinensischen Volkes" zu sein, hat sich die Hamas lange gewehrt. Doch
in der Kairoer Erklärung von 2005, der alle politischen Gruppen der
Palästinenser zustimmten, hat sie die PLO endlich anerkannt - zugleich
allerdings 40 Prozent der Sitze im Palästinensischen Nationalrat
gefordert. Auf die Frage, ob die Hamas bereit sei, an der Reform der PLO
mitzuwirken, sagt Ismail Hanije: "Wir sind mehr als bereit. Wir warten
nur auf ein Zeichen der PLO." Der ehemalige Minister Dr. Ziad Abu-Amr sitzt heute als Unabhängiger im
Parlament. In einer Einheitsregierung hätte er gute Chancen,
Außenminister zu werden. Er selbst bezeichnet sich als "eine dritte
Stimme". In seinem Büro in Gaza spricht er über den fehlgeschlagenen
Versuch, eine Regierung der nationale Einheit zu bilden: "Entscheidend
war das politische Programm der Hamas. Sie hätte auf wichtige Posten
verzichtet, solange ihr Programm unangetastet geblieben wäre. Wenn die
Hamas von Teilung der Macht spricht, meint sie damit, dass sie die volle
Entscheidungsgewalt behalten will. Die Hamas hat ehrgeizige Ziele. Es
wäre für sie erniedrigend, sich mit den dekadenten Nationalisten
zusammenzutun. Und nach ihrem Wahlsieg glaubt sie, dass sie das auch
nicht mehr nötig hat." Die ersten Spannungen zwischen der Hamas und Präsident Abbas entstanden,
als dieser auf Geheiß der Europäer die Kontrolle über den Rafah-Übergang
zwischen Gaza und Ägypten übernahm. Die Leute um Ministerpräsident
Hanije nahmen diese Regelung zwar hin, waren aber empört, dass sie erst
aus den Zeitungen davon erfuhren. Weitere Spannungen produzierte die
Entscheidung von Innenminister Said Siam, eine neue, 3000 Mann starke
Spezialtruppe aufzustellen. Die Einheit sollte sich aus den Milizen der
unterschiedlichen Fraktionen rekrutieren und unter dem Befehl von Jamal
Abu Samahadanah stehen. Der Gründer und Kommandeur des Popular Resistance
Committee (PRC) steht auf der israelischen "Wanted"-Liste. Abbas lehnte
den Vorschlag sogleich als "illegal und verfassungswidrig" ab.
Das Programm der Gefangenen als Chance zur Einheit
In Gaza erklärte Khaled Abu Hilal, der Sprecher des Innenministeriums,
flankiert von zwei Bodyguards: "Vor Ihnen steht jemand, der sein Amt als
Sprecher für die Al-Aksa-Brigaden niedergelegt hat, um als Fatah-Mitglied
das Amt des Pressesprechers für einen Hamas-Minister auszuüben. Meine
Frau ist Mitglied der Hamas, mein Schwager ist in der PFLP. Aber wir alle
sind gegen die Korruption." Über die Aufgabe der neuen Truppe meint er:
"Die Kräfte würden als Erstes öffentliche Grundstücke zurückfordern, die
sich irgendwelche Leute angesichts der herrschenden Anarchie und
Gesetzlosigkeit unter den Nagel gerissen haben. Außerdem werden wir
illegale Waffen konfiszieren. Wir wollen unsere zerstörte Gesellschaft
wieder aufbauen. Das Ganze hat ja nicht nur mit der Besatzung zu tun,
sondern auch mit bestimmten Fatah-Leuten."
Die Spannungen verschärften sich, als in Damaskus Khaled Mishal, der
Chef des politischen Büros der Hamas, Präsident Abbas und seine Leute
beschuldigte, in Absprache mit Israel und den USA die Regierung zu
destabilisieren. Als es zu Zusammenstößen kam, bei denen 40 Menschen
verletzt wurden, sagte Abbas die geplanten Aufmärsche der Fatah-Milizen
ab. Am 23. April stürmten bewaffnete Fatah-Leute die von der Hamas
kontrollierte Stadtverwaltung in Nablus und den Amtssitz des
Gesundheitsministers Bassem Naim in Gaza, nachdem dieser eine Kürzung der
monatlichen Gesundheitsausgaben um 2 Millionen Dollar angekündigt hatte. In Ramallah sprach ich über die Rolle von Mishal mit Erziehungsminister
al-Schairklar, der die Regierung klar von der Bewegung der Hamas
absetzte: "Die Hamas braucht Leute, die im Ausland für die Bewegung
sprechen, aber dies hier ist ein interner Dialog. Wir brauchen Khaled
Mishal nicht. Er repräsentiert uns nicht", und mit uns meinte er die
Regierung. Im Lauf des Mai entluden sich die Spannungen zwischen Hamas und Fatah in
Zusammenstößen und bewaffneten Attacken, bei denen es zehn Tote gab.
Seitdem gibt es Bemühungen, die innere Einheit wiederherzustellen. Es
wurde vereinbart, die neue Truppe in die vorhandenen
Sicherheitsstrukturen zu integrieren. Am 25. Mai fand in Gaza und
Ramallah ein zweitägiger (über Video zusammengeschalteter) "Nationaler
Dialog" statt, mit allen politischen Gruppen, aber auch Vertretern der
Zivilgesellschaft, Geschäftsleuten und Akademikern. Ziel war die Einigung auf ein gemeinsames Programm aller Palästinenser.
Als erster Schritt in diese Richtung gilt eine Erklärung, die am 11. Mai
im israelischen Hadarim-Gefängnis von inhaftierten Führern der
palästinensischen Fraktionen erarbeitet wurde. Zu den Unterzeichnern
gehörten Vertreter des Islamischen Dschihad, vor allem aber der
Fatah-Führer Marwan Barghuti und Sheik Abdel Halek von der Hamas. Das
Papier impliziert die Anerkennung eines unabhängigen Staats Palästina auf
dem gesamten 1967 von Israel besetzten Territorium, fordert aber auch
das Recht auf Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge und die
Freilassung der palästinensischen Häftlinge. Außerdem mahnt es eine
beschleunigte Reform der PLO an. Präsident Abbas stellte auf der Konferenz ein überraschendes Ultimatum:
Ein Ausschuss unter seiner Führung soll die Erklärung der
Hadarim-Insassen absegnen. Sollte man sich nicht einigen, wäre innerhalb
von 40 Tagen ein Referendum abzuhalten. Ob die Hamas ein solches Ultimatum akzeptieren kann, bleibt abzuwarten.
Obwohl sie dem Plan in den meisten Punkten zustimmt, hat sie ihn als
Ganzes nicht akzeptiert. Würde eine Einigung eine Art Machtaufteilung
innerhalb der Palästinensischen Autonomiebehörde bedeuten, die eine
Auflösung der PA-Strukturen noch verhindern könnte? Abdel Rasek ist optimistisch: "Eine Kooperation zwischen der Regierung
und dem Präsidenten könnte zu einer Regierung der nationalen Einheit
führen - falls wir zu ideologischen Kompromissen bereit sind. Dann
könnten wir flexiblere Positionen beziehen. Die Hamas allein kann das
nicht." Ein solches Szenario konnte aus der Sackgasse herausführen. Doch sind
die Hamas und die Fatah zu den nötigen Zugeständnissen bereit?
Realistischer dürfte ein Kompromiss sein, der in Richtung nationale
Einheit geht und bei dem die Hamas einige Ministerien an die anderen
Gruppen abtritt. Und wenn es nicht dazu kommt? "Wir würden uns in Ehren zurückziehen",
meint Ghazi Hamed. Und Finanzminister Abdel Rasek erklärt: "Wenn die
Regierung scheitert, wird es immer noch eine starke Hamas geben und
den Palästinensischen Legislativrat und die Besatzung. Doch das
politische System würde zusammenbrechen." Dann aber müssten, technisch gesehen, die Israelis wieder die Verwaltung
der palästinensischen Gebiete übernehmen. Diese mögliche Perspektive hat
eine neue Debatte über die Rolle der Palästinensischen Autonomiebehörde
ausgelöst. Sie könnte, wenn der politische Prozess, aus dem sie erwachsen
ist, am Ende wäre, im Grunde nur noch Gehälter auszahlen. Die Hamas
dagegen würde weiterexistieren.
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